Free Essay

Exkurs Über Den Fremden Georg Simmel

In:

Submitted By junip
Words 739
Pages 3
Exkurs über den Fremden
Georg Simmel

Georg Simmel beschreibt das Wandern als eine Gelöstheit, welche im Gegensatz zur Fixiertheit steht. Der Fremde vereint beide Elemente.
Er ist also nicht in dem Sinne fremd, als dass er ein Wandernder ist, der heute kommt und morgen geht, sondern als einer, der heute kommt und morgen bleibt.
Gemeint ist ein potentieller Wanderer der die Differenzierung zwischen Kommen und Gehen noch nicht ganz überwunden hat. Obwohl er sich in einem bestimmten räumlichen Umkreis befindet, gehört er in diesen nicht hinein. (Simmel/ S.509)
Simmel meint, dass der Fremde keinen eigenen Besitz und keinen Lebensinhalt habe. Ein weiterer Charakterzug des Fremden ist seine Beweglichkeit. Er kommt mit einzelnen Objekten in Berührung, wird jedoch mit keinem einzigen durch Verwandtschaft oder Beruf in Verbindung gebracht.
Ein weiteres Merkmal des Fremden liegt in der Objektivität, welche dieser mitbringt. Er ist kein Mitglied der Gruppe, zu welcher er stößt und hat damit kein langjähriges oder intimeres Verhältnis zu den einzelnen Mitgliedern und steht ihnen damit mit einer gewissen Objektivität gegenüber. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er unbeteiligt Abstand zu diesen hält. Durch die dominierende Stellung des Gruppenfremden kann dieser einen besonderen Bezug zur Gruppe herstellen, welche Ferne und Nähe, sowie Gleichgültigkeit und Engagiertheit gleichzeitig impliziert. Simmel betonte dabei das Positive an dieser Objektivität.
Durch seine außergewöhnliche, objektive Rolle, die der Fremde einnimmt, wird ihm eine große Offenheit entgegengebracht. Er erfährt Dinge, welche die engsten Verwandten und Freunde der Gruppenmitglieder möglicherweise niemals erfahren werden.
Objektivität kann auch als Freiheit bezeichnet werden, welche jedoch ihre Gefahren mit sich bringt. Bei Konfliktsituationen, in welchen man als Fremder seine objektive Meinung beigetragen hat, kann es passieren, dass man schnell für Aufstände oder Konflikte verantwortlich gemacht wird und als eine Art Sündenbock herhalten muss.
Trotzdem ist er der freiere Mensch, da er die verschiedenen Verhältnisse vorurteilsfrei beurteilen kann und diese an objektiveren Idealen misst. (Simmel/ S.510)
Simmel spricht dem Fremden ein abstrakteres Verhältnis zu einer Gruppe zu, mit welcher er nur gewisse Qualitäten gemeinsam hat. Dieses, fast oberflächliche Verhältnis, dass wir zu einem Fremden herstellen, welches durch Ähnlichkeiten von allgemeineren Qualitäten zum Ausdruck gebracht wird, bringt immer eine gewisse Kälte und Distanziertheit mit sich.
Solange wir Gemeinsamkeiten mit dem Fremden haben, ist uns dieser nah. Sobald diese Gemeinsamkeiten jedoch ein Maß überschreiten ist uns der Fremde fern. Daher ist es auch naheliegend, dass gerade in der engsten menschlichen Beziehung, der Liebesbeziehung, Fremdheit vorkommen kann. Nur in der ersten, leidenschaftlichen Phase einer Liebesbeziehung blendet man eine Generalisierung aus. Man ist davon überzeugt, dass dieses Gefühl einzigartig ist und keinesfalls den Aspekt von Fremdheit in sich trägt.
In diesem Fall vermutet Simmel eine unüberwindbare Fremdheit, in welcher zwar Gleichheit, Harmonie und Nähe bestehen können, jedoch verbunden mit dem Gefühl ersetzbar zu sein und dieses Verhältnis nicht für sich alleine beanspruchen zu können. (Simmel/ S.511)
Simmel zufolgen gibt es auch eine Art des Fremdseins, bei welcher dem Fremden genau diese Aspekte der Gemeinsamkeit abgesprochen wird. Hier besteht keine Beziehung zu dem Fremden. Er steht also außerhalb der Gruppe. In diesem Fall, den Simmel beschreibt, nimmt der Fremde eine negative Rolle ein. Er ist damit kein Glied der Gruppe und diejenigen Eigenschaften, die nicht übereinstimmen, zwischen der Gruppe und dem Fremden stehen im Vordergrund. (Simmel/ S.512)
Um die Situation des Fremden zu verdeutlichen verwendet Simmel einige Beispiele. Eines davon ist ein Vergleich mit der Wirtschaft.
Der Händler ist hierbei der Fremde, welcher seine Rolle nur dann verwirklichen kann, wenn seine Produkte außerhalb des Kreises stammen, in welchen er versucht diese zu verkaufen. (Simmel/ S.509)

Trotz der verschiedenen Typisierungen eines Fremden, die Simmel vornimmt, bleibt die subjektive Sicht des einzelnen Individuums fast unberücksichtigt. Man kann sich ganz einfach fremd fühlen oder sich selbst fremd sein. Ganz egal in welchem Kontext man zu einer Gruppe steht.
Im Gegenteil dazu kann man auch nach sehr kurzer Zeit Vertrauen aufbauen, wobei sich nun die Frage stellt, ab wann jemand noch fremd ist und ab wann nicht mehr. Auch die Sicht der einzelnen Gruppenmitglieder, die einen Fremden aufnehmen, kann sehr unterschiedlich ausfallen.
Interessant ist jedoch, dass Simmel den Begriff des Fremden sowohl mit positivem und negativem Eigenschaften in Verbindung bringt. Er beschreibt sowohl das Dominante und die Gefahr also auch die Distanz und die Nähe, die mit dem Fremden verbunden sind.

Literaturangabe:
Der Fremde
Simmel, Georg (1983 [1908]): »Exkurs über den Fremden«. In: Ders. Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Berlin: Duncker & Humblot, S. 509-512.

Similar Documents