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Gender, Race, Class

In: Social Issues

Submitted By colorno
Words 2963
Pages 12
Birgit Rommelspacher

Gender, race, class
Ausgrenzung und Emanzipation
Kein Thema ist derzeit so aktuell wie die Gleichstellung der Frau. Die ganze Gesellschaft debattiert darüber – sobald es um Muslimas geht. Es scheint, als hätten breite Schichten der Bevölkerung unversehens ihr Engagement für die Emanzipation der Frau entdeckt. An dieser Frage droht sogar die multikulturelle Gesellschaft in Deutschland beziehungsweise die Erweiterung Europas zu scheitern. So einigten sich etwa kürzlich die TeilnehmerInnen einer Fernsehdiskussion im Rundfunk Berlin Brandenburg unter der Leitung des „ZEIT“-Herausgebers Michael Naumann darauf, dass es bei dem Beitritt der Türkei zu Europa „im Kern um die Frauenfrage gehe“. Warum ist das Interesse an der Gleichstellung der Frauen plötzlich so groß? Wird es so sehr von der Sorge um die Unterdrückung der Frauen getragen oder spielen dabei auch noch andere Motive eine Rolle? Dieser Verdacht liegt nahe, wenn man sich daran erinnert, dass frau zu Zeiten des feministischen Kampfes von einer solchen, breiten und vollmundigen Unterstützung nur träumen konnte. Zudem ist zu fragen, wenn dieser Diskurs auch anderen Interessen dient, wie er dann auf das Anliegen der verschiedenen Frauen zurückwirkt beziehungsweise das Verständnis von Emanzipation und deren Bedeutung in dieser Gesellschaft verändert. ihre Aufstiegschancen deutlich geringer als die ihrer deutschen Kolleginnen (vgl. MÜNZ /SEIFERT/ULRICH 1997). Die Zurücksetzung von Migrantinnen hängt also nicht allein an ihrem Bildungsabschluss, denn mit den neueren Migrationen aus dem ehemaligen Ostblock, insbesondere nach 1989, sind auch sehr viele Frauen mit einem sehr hohen Bildungsstand nach Deutschland gekommen. Aber auch sie werden heute weitgehend in den informellen und unsichtbaren Arbeitsmarkt gedrängt (vgl. A LTVATER /M AHNKOPF 1997). Allerdings war es nicht immer so, dass vor allem Migrantinnen von Arbeitslosigkeit betroffen waren. In den 1970er-Jahren waren die Migrantinnen in (West-) Deutschland deutlich stärker erwerbstätig als die einheimischen deutschen Frauen (vgl. MOROKVASIC 1987). Diese Pioniermigrantinnen wurden jedoch in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, da hier das Bild vom männlichen „Gastarbeiter“ vorherrschte. So konnte auch die Verdrängung dieser Migrantinnen aus dem Arbeitsmarkt recht lautlos vonstatten gehen. Dabei waren mehrere Faktoren ausschlaggebend: Zunächst spielte und spielt bis heute das „Inländerprimat“ eine entscheidende Rolle, was bedeutet, dass bei einer offenen Stelle zunächst deutsche BewerberInnen EU-BürgerInnen vorgezogen werden und diese wiederum den BewerberInnen aus Nicht-EULändern. Aber auch die Verlagerung der Arbeit von Produktionsbereichen in den Dienstleistungssektor verringerte die Arbeitsmarktchancen für MigrantInnen ganz erheblich, da im Dienstleistungssektor sehr viel mehr wert auf Sprachkompetenz und „deutsches Aussehen“ gelegt wird. Schließlich spielt aber auch das Rollenklischee bei der Zuweisung von Arbeitsplätzen eine große Rolle. Dabei ist das Stereotyp von der unterdrückten Migrantin ganz entscheidend. So haben in einer Untersuchung Iman ATTIA und Helga M ARBURGER (1998) mittelständische UnternehmerInnen in Berlin gefragt, ob sie bei freier Auswahl eher einen deutschen oder einen ausländischen Lehrling einstellen würden. Sie bevorzugen durchgehend deutsche, weil, so ihre Begründung, ausländische Mädchen – und das waren für sie in erster Linie türkische Mädchen – unterdrückt und unselbstständig seien. Sie würden ja oft verheiratet, womöglich noch in der Türkei. Es fehle ihnen also an Ehrgeiz und Arbeitsmotivation und von daher wären die deutschen Bewerberinnen auf jeden Fall vorzuziehen. Dem widerspricht die Tatsache, dass die jungen Frauen und Männer der zweiten und dritten Einwanderergeneration gerade auch der türkischen Jugendlichen sehr hohe Bildungs- und Berufsaspirationen zeigen. Jede/r dritte Jugendliche möchte Abitur machen, jede/r vierte Jugendliche möchte studieren (vgl. H EITMEYER /MÜLLER /S CHRÖDER 1997). Und darin unterscheiden sich Mädchen und Jungen nicht. Die Berufs- und Erwerbsneigung von jungen Frauen türkischer Herkunft ist sogar teilweise höher als die der deutschen (vgl. WESTPHAL 1998). Und inzwischen erzielen die Mädchen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt auch bessere Leistungen in der Schule als ihre männlichen Altersgenossen. Das bedeutet, dass das herrschende Stereotyp von den unterdrückten und bildungsfernen Migrantinnen deren Ambitionen und tatsächlichen Leistungen in keiner Weise entspricht. Demgegenüber werden sie durch diese Bilder in eine Position gedrängt, die ihnen tatsächlich kaum Möglichkeiten zur eigenständigen Lebensführung erlauben, und so wirken sie dann letztlich im Sinne einer self-fulfilling prophecy – ähnlich wie das Verbot des Kopftuchs. Demgegenüber gelten die einheimischen deutschen Frauen generell als emanzipiert. Diese Selbststereotypisierung wirkt im Sinne einer Differenzverstärkung und vertieft so auf der symbolischen wie auch auf der materiellen Ebene die Kluft zwischen ihnen und den Frauen mit Migrationshintergrund. Der Emanzipationsdiskurs ist in dem Zusammenhang also zu einem zweischneidigen Schwert geworden: Auf der einen Seite

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Emanzipation und soziale Schicht
Zunächst stellt sich die Frage, warum der Emanzipationsdiskurs besonders jetzt so laut geführt wird, wenn es um Migrantinnen geht. Sie gehören in Deutschland zu der Gruppe, die auf der untersten Stufe der sozialen Leiter stehen: Sie haben das höchste Armutsrisiko und sind am ehesten von Arbeitslosigkeit betroffen und haben relativ schlechte Bildungsabschlüsse. Selbst wenn Migrantinnen eine mit einheimischen Frauen vergleichbare berufliche Position einnehmen, sind

fordert er die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frauen gegenüber den Männern ein, auf der anderen Seite dient er dazu, die Unterschiede zwischen Frauen zu verschärfen und Zurücksetzungen von Angehörigen kultureller Minderheiten zu legitimieren. Das führt nicht zuletzt dazu, dass der berufliche Aufstieg der deutschen einheimischen Frauen in den letzten 20 bis 30 Jahren nicht unwesentlich auf die ethnische Unterschichtung durch Migrantinnen zurückzuführen ist. Die einheimischen Frauen sind aufgestiegen, während die eingewanderten die nun frei gewordenen Plätze eingenommen haben. Plakativ gesprochen ist die deutsche Putzfrau durch die türkische ersetzt worden – nicht aber durch deutsche Putzmänner. Die Hierarchie im Geschlechterverhältnis hat sich dadurch nicht geändert. Das zeigt sich unter anderem daran, dass trotz des beruflichen Aufstiegs von Frauen und der weitgehenden Abschaffung ihrer tarifrechtlichen Diskriminierungen das Einkommensgefälle zwischen Männern und Frauen in Deutschland im Wesentlichen konstant geblieben ist (vgl. WAHL 1999). An die Stelle der schlecht bezahlten deutschen Frau ist die schlecht bezahlte Migrantin getreten. Durch diese Ethnisierung der untergeordneten Positionen konnte die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung aufrechterhalten werden. Diese Konstellation kann zumindest teilweise das derzeit so breite gesellschaftliche Interesse an der Gleichstellungsdebatte erklären. In der Polarisierung zwischen der „emanzipierten“ einheimischen Frau und der „unterdrückten“ eingewanderten Frau wird eine Hierarchie festgeklopft, die nicht nur die Überlegenheit der einheimischen Kultur bestätigt, sondern auch das Geschlechterverhältnis der einheimischen Deutschen entlastet. Denn der Kampf um eine gerechtere geschlechtsspezifische Arbeitsteilung erübrigt sich umso mehr, je mehr sie durch eine ethnische abgelöst wird. Der Konfliktstoff wird gewissermaßen externalisiert. Die Emanzipation der deutschen Frauen erweist sich dann umso mehr als eine Illusion, als sie ih-

ren sozialen Aufstieg nicht der Umverteilung im Geschlechterverhältnis, sondern ihrer ethnischen Privilegierung verdanken. Wir finden diese Hierarchien zwischen Frauen nicht nur im Berufsleben, sondern auch im Privatbereich. Die Mehrzahl der Hausangestellten sind heute Migrantinnen oder „Frauen ohne Papiere“. Vielfach pendeln hoch qualifizierte Frauen aus dem ehemaligen Ostblock zwischen ihren Herkunftsregionen und ihren „heimlichen“ Arbeitsplätzen. Ebenso stammen 90 % der Au Pairs heute aus dem Ostblock, was bei vielen Gastgeberinnen dazu führt, dass sie, wie SABINE H ESS (2002) in ihrer Untersuchung feststellt, dies als eine Form der Entwicklungshilfe oder Bildungsprogramm verstehen. Hausarbeit wird dabei abgewertet und in die Heimlichkeit abgedrängt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird für die deutschen Mittelschichtfrauen also wesentlich durch bezahlte Dienstleistung ermöglicht. Diese Option ist durchaus legitim, denn warum sollten diese Arbeiten nicht auch privat „outgesourct“ werden. Warum aber werden keine regulären Arbeitsplätze geschaffen, mit einem professionellen Profil ausgestattet und öffentlich anerkannt? Warum wird diese Arbeit nicht über den Markt vermittelt – zum Beispiel mit Hilfe von Dienstleistungspools, in denen entsprechende Arbeitskräfte offiziell angefordert werden können? Nun kann man einwenden, dass insbesondere Frauen „ohne Papiere“ selbst ein Interesse an der Verheimlichung haben. Diese Form der Arbeitsaufnahme ist für sie oft die einzige Möglichkeit, überhaupt in westeuropäische Länder zu migrieren und dort auch Arbeit zu finden. Dem ist jedoch entgegen zu halten, dass die Verheimlichung diesen Markt verfestigt und ausweitet und damit die Perspektive ausschlägt, zumindest in der Tendenz eine soziale Absicherung der Arbeitsverhältnisse zu erreichen. Voraussetzung dafür wäre es, den Bedarf über-

haupt sichtbar zu machen, um dann auch Legalisierungen einzufordern, wie dies zum Beispiel in den USA, Frankreich, Spanien oder Italien mit periodischen Legalisierungskampagnen üblich ist. Wir können also feststellen, dass im Erwerbsbereich der berufliche Aufstieg der deutschen einheimischen Frauen wesentlich auf der ethnischen Unterschichtung durch MigrantInnen basiert, und dass im Privatbereich die bestehende geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wesentlich durch eine Arbeitsteilung zwischen Frauen weiter konserviert wird. Die Strukturen des Geschlechterverhältnisses werden weder in der Erwerbssphäre noch im Privatbereich wesentlich verändert. Vielmehr werden die schlecht bezahlten und unsicheren Jobs und Teile der Versorgungsarbeit im Privatbereich von MigrantInnen übernommen. Ihre Arbeit ist zur Voraussetzung für den beruflichen Aufstieg wie auch für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die mittelständischen einheimischen Frauen geworden.

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Emanzipation als Illusion
Mit der Ethnisierung der privaten Versorgungsarbeit wird ihre Feminisierung erhalten, und damit die Spaltung von Erwerbs- und Privatbereich fortgeschrieben. Die Geringschätzung personenbezogener Arbeit, die damit einhergeht, bleibt ebenso bestehen wie die Spaltung in „good jobs“ und „bad jobs“ im Erwerbsbereich, das heißt die Hierarchisierung zwischen Frauen blockiert so die Weiterentwicklung eines feministischen Arbeitsbegriffs, dessen Anspruch es ja ist, „Arbeit“ und Leben zusammen zu sehen, Arbeitsbereiche und Handlungslogiken zusammen zu führen und so eine eigene Vision jenseits der Spaltung von Erwerbs- und Hausarbeit zu entwickeln. Dabei geht es um eine Umarbeitung des Arbeitsbegriffs hin zur „ganzen Arbeit“, die weder das Leben nur jenseits von Arbeit sieht, noch alle Lebensvollzüge zur Arbeit erklärt, sondern dem Wechselspiel der unterschiedlichen Handlungslogiken und Dynamiken gerecht wird.

Birgit Rommelspacher

Gender, race, class tinnen werden hier im Wesentlichen als bedauernswerte Opfer und nicht als Mitstreiterinnen im Kampf um Gleichberechtigung wahrgenommen, und so werden schließlich auch die Potenziale eines gemeinsamen politischen Kampfes ausgeschlagen. Bedeutet das nun, dass der Emanzipationsbegriff völlig untauglich geworden und zu einem Herrschaftsbegriff pervertiert ist? Der Emanzipationsbegriff ist nach wie vor unabdingbar, um Unrecht, Gewalt und Diskriminierung von Frauen über alle Kulturen und sozialen Klassen hinweg anzuklagen und die Solidarität aller Frauen einzufordern. Er kann jedoch nur dann sein kritisches Potenzial entfalten, wenn er sich auf alle Frauen bezieht und nicht von einer bestimmten Gruppe monopolisiert wird, um ihre partikularen Interessen durchzusetzen. Voraussetzung dafür ist jedoch zu sehen, dass der Emanzipationsbegriff nie sich nur auf das Geschlechterverhältnis „als solches“ bezieht, sondern immer auch andere Machtverhältnisse mit thematisiert und damit sowohl kritische als auch affirmative Intentionen gleichzeitig verfolgen kann. Die Funktionalisierung des Emanzipationsbegriffs im Interesse der Legitimation von Dominanz gelingt jedoch nur, indem ein starrer Kulturbegriff benutzt wird. Es gilt als eine bare Selbstverständlichkeit, dass „die islamische Frau“ unterdrückt ist. Auch gegenteilige persönliche Erfahrungen lassen dieses Stereotyp meist unangetastet. Die eigenständige islamische Frau wird kurzerhand zur Ausnahme erklärt und ihre Emanzipation als Resultat ihrer „Verdeutschung“ verstanden. So kann das Stereotyp ohne Irritation beibehalten werden (vgl. ATTIA 1995). Insofern bedarf es nicht nur einer Hinterfragung des Emanzipationsverständnisses, sondern auch eines Überdenkens des Kulturbegriffs, wie dies etwa in der Debatte zum kritischen Multikulturalismus geschieht.

Zur Kritik des Kulturbegriffs
Der kritische Multikulturalismus fragt – im Gegensatz zu anderen Formen multikultureller Politik, wie etwa des konservativen oder liberalen Multikulturalismuses (vgl. ROMMELSPACHER 2002) –, was Ethnizität eigentlich bedeutet: Hat sie nicht viele Facetten und ist ständig im Fluss? Gibt es nicht zahlreiche Überschneidungen mit anderen sozialen Zugehörigkeiten? Mit diesen grundlegenden In-Frage-Stellungen von kulturellen Zuordnungen reagiert diese Form von Multikulturalismus auf die Tatsache, dass jede/r immer unterschiedliche Bezüge hat, sei es des Geschlechts, der Klasse oder der körperlichen Verfasstheit im Sinne von Behinderung und Nichtbehinderung, der sexuellen Orientierung, des Alters und nicht zuletzt der unterschiedlichen politischen Überzeugungen. Ein multikulturelles Konzept, das diesen Unterschieden nicht gerecht wird und allein der Ethnizität Gewicht gibt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach eine Normalität reproduzieren, die die eingefahrenen Hierarchien zwischen Klassen, Geschlechtern und Altersgruppen fortschreibt. Der kritische Multikulturalismus versucht also der Tatsache gerecht zu werden, dass Identität niemals etwas Festgelegtes ist, dass sie ständig im Fluss und Resultat verschiedener und teilweise auch widersprüchlicher Narrationen ist. So gibt es etwa eine situative ethnische Zugehörigkeit: Die kulturellen Bezüge bekommen nur in bestimmten Situationen Bedeutung und werden in anderen wiederum irrelevant. Deshalb ist es dem kritischen Multikulturalismus wichtig, dass es immer jedem/jeder Einzelnen überlassen bleiben muss, ob und inwiefern er/sie sich einer Kultur zugehörig fühlt oder nicht. Bei allen Maßnahmen der Politik ist also streng auf das Prinzip der Selbstinterpretation zu achten – das heißt, dass einem weder eine Zugehörigkeit zugeschrieben werden, noch die selbst gewählte Zuordnung von anderen in Frage gestellt werden darf.

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Emanzipation ist eine Illusion, wenn sie nicht auf der Aufhebung der Arbeitsteilung im Geschlechterverhältnis basiert, sondern gewissermaßen auf andere Machtverhältnisse ausweicht. Diese Machtverhältnisse werden zudem von einer symbolischen Ordnung abgesichert, die das herrschende Geschlechterverhältnis zur verbindlichen Norm für alle erklärt. Damit wird eine weitere Illusion genährt, nämlich dass diesbezüglich kaum mehr Handlungsbedarf bestehe, da ja die „deutsche Frau“ emanzipiert sei. Die doppelte Illusion besteht also darin, dass einmal bei dem beruflichen Aufstieg der deutschen einheimischen Frauen ethnische Privilegierung mit Emanzipation verwechselt wird, und zum anderen, dass die privilegierten Frauen im Interesse der Differenzverstärkung gegenüber der „unterdrückten Migrantin“ sich selbst überschätzen. Der Emanzipationsbegriff wird hier also auf zweierlei Weise seines kritischen Gehalts entkleidet: Zum einen weil er eine nüchterne Bestandsaufnahme blockiert und zum anderen, weil er zur Legitimation von Dominanzverhältnissen dient und damit auch die Spaltung zwischen Frauen verschärft. Die Migran-

Dem kritischen Multikulturalismus geht es also nicht nur um gleichberechtigte Teilhabe aller, sondern auch um die kritische Überprüfung der Kategorisierungssysteme und -strategien, die Kulturen hervorbringen. Kulturelle und ethnische Differenz wird als etwas Ambivalentes wahrgenommen: Sie ist einerseits die Grundlage dafür, sich selbst zu definieren und Bedeutungen herzustellen – und somit Kultur, Sprache und Kommunikation hervorzubringen. Auf der anderen Seite ist Differenz das, was andere festlegt, ausgrenzt, zum Schweigen bringt und unsichtbar macht. Denn ethnische Minderheiten werden von der Mehrheitsgesellschaft auf doppelte Weise negiert: einmal, indem sie als nicht zugehörig betrachtet werden, und zum anderen, indem sie als „die Anderen“ in das Klischee des Andersseins eingeschlossen werden – einem Anderssein, das im Wesentlichen von den Vorstellungen und Projektionen der Mehrheitskultur bestimmt ist. Die Hinterfragung des Kategoriensystems bedeutet vor allem, die Position der Mehrheit nicht als das Allgemeine zu verstehen, als den unsichtbaren Ort, von dem aus die Anderen definiert und kulturalisiert werden, sondern als einen Ort, der selbst ein kulturell begrenzter ist und in den die historischen und aktuellen Erfahrungen von Dominanz eingeschrieben sind. Aus diesem Grund analysieren die bislang vor allem in angloamerikanischen Einwanderungsländern aufkommenden „critical whiteness studies“ den Standpunkt der Weißen als einen Ort, der sich durch die Behauptung universeller Gültigkeit selbst unsichtbar gemacht hat und seine Partikularität zum Universellen erklärt. Einem solchen kritischen Multikulturalismus entspricht ein kritischer Emanzipationsbegriff. Dieser muss sich zum einen auf einen pluralen Feminismus beziehen, der je nach Lebenssituation unterschiedliche Formen von Feminismen akzeptiert. Zum anderen muss er die Relativität des Feminismus anerkennen, das heißt sehen, dass Frauen nicht nur in das Geschlechterverhältnis, sondern immer auch in andere Machtverhältnisse eingebunden sind. Und schließlich muss er

kritische Parteilichkeit praktizieren, was bedeutet, Parteilichkeit nicht als eine unbedingte Parteinahme für Frauen zu verstehen, sondern auch Frauen nach ihrem Interesse an den bestehenden Machtverhältnissen zu hinterfragen. s
Literatur Altvater, E./Mahnkopf, B. (1997): Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. Münster Attia, I. (1995): Antiislamischer Rassismus in der interkulturellen Beziehung. In: dies. u. a. (Hrsg.): Multikulturelle Gesellschaft – monokulturelle Psychologie? Antisemitismus und Rassismus in der psychosozialen Arbeit. Tübingen, S. 112 – 135 Attia, I./Marburger, H. (1998): Keine Chance für Nilgün? Junge Migrantinnen auf Arbeitsuche. In: Castro Varela, M. do Mar/Clayton, D./Otyakmaz, B. Ö. (Hrsg.): Dis-qualifiziert. Migrantinnen auf dem Arbeitsmarkt. Köln (Manuskript) Garanto, M. (2000): Junge späteingereiste Frauen: Chancen und Möglichkeiten für eine berufliche Qualifizierung. Berlin, S. 95 – 114 Heitmeyer, W./Müller, J./Schröder, H. (1997): Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland. Frankfurt a. M. Hess, S. (2002): Au Pairs als informalisierte Hausarbeiterinnen – Flexibilisierung und Ethnisierung der Versorgungsarbeiten. In: Gather, C./Geissler, B./Rerrich, M. S. (Hrsg.): Weltmarkt Privathaushalt. Bezahlte Haushaltsarbeit im globalen Wandel. Münster, S. 103 – 109 Morokvasic, M. (1987): Jugoslawische Frauen. Die Emigration – und danach. Basel Münz, R./Seifert, W./Ulrich, R. E. (1997): Zuwanderung nach Deutschland. Frankfurt a. M. u. New York Rommelspacher, B. (2002): Anerkennung und Ausgrenzung. Deutschland als multikulturelle Gesellschaft. Frankfurt a. M. Wahl, A. v. (1999): Gleichstellungsregime. Berufliche Gleichstellung von Frauen in den USA und in der Bundesrepublik Deutschland. Opladen Westphal, M. (1998): Die unsichtbare Migrantin. In: Castro Varela, M. do Mar/Clayton, D./Otyakmaz, B. Ö. (Hrsg.): Dis-qualifiziert. Migrantinnen auf dem Arbeitsmarkt. Köln (Manuskript) Prof. Dr. Birgit Rommelspacher, Jahrgang 1945, ist Hochschullehrerin für Psychologie mit den Schwerpunkten Interkulturalität und Geschlechterstudien an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin. Kontakt via E-Mail: rommelspacher@asfh-berlin.de

Soziale Arbeit im Krisengebiet „Sozialstaat”

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Roland Anhorn, Frank Bettinger (Hrsg.)

Sozialer Ausschluss und Soziale Arbeit
Positionsbestimmungen einer kritischen Theorie und Praxis Sozialer Arbeit
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Mit der Krise des Sozialstaats und der damit legitimierten neoliberalen Wende seit Mitte der 1970er Jahre lassen sich grundlegende Veränderungen in den sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen für Sozialpolitik und Soziale Arbeit erkennen. Damit werden Sozialpolitik und Soziale Arbeit nicht nur dem Primat der Ökonomie untergeordnet, sondern darüber hinaus zunehmende soziale Spaltungen und sich vergrößernde soziale Ungleichheiten, soziale Risiken, Armut und Arbeitslosigkeit in Kauf genommen. Vor diesem Hintergrund erfasst das Buch mit dem Konzept des sozialen Ausschlusses die tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, ordnet sie ein und überprüft sie in Hinblick auf ihre theoretischen wie praktischen Implikationen für Sozialpolitik und Soziale Arbeit. Darüber hinaus wird eine Brücke zu den Diskursen angrenzender Disziplinen geschlagen. 2005. 400 S. Br. EUR 29,90 ISBN 3-8100-4072-X

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Erhältlich im Buchhandel oder beim Verlag. Änderungen vorbehalten. Stand: Juni 2005.

www.vs-verlag.de

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Development of Social Values and Cultural Practices

...The study examines how social values and cultural practices are shaped by age, class, ethnicity and gender. Social values and cultural practices shaped by age A study on the vast potential expansion of HIV epidemic as well as cultural impact in the sub-Saharan Africa reflects how ages shapes social values and cultural practices. Cultural practices that include large differences within the ages of men and women at marriage as well as along the period of postpartum abstinence have resulted into frequent extra-marital relations. However, such relationships have contributed to the spread of sexually transmitted diseases. In order to respond to the spread of HIV/AIDS, the social adaptations have to include some profound changes within the sexual behaviours, child bearing and marriage customs. On the other hand, social values, norms and traditions that are related to age and sexual practices have to a lager extent shaped the HIV/AIDS epidemic in most of the sub-Saharan African countries. This implies that societies will adapt and develop the new long-term behavioural and the cultural norms, but based on necessity they will become known accompanied by a nonetheless continued urbanization and the total...

Words: 2898 - Pages: 12

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Sociology

...We decided to analyze the film, Lucky Number Slevin to determine how class and power, race and ethnicity, and gender and sexual orientation are displayed in a Hollywood movie. The main goal for the paper is to be able to get a better understanding of the main concepts of sociology, and how they can easily be related to a major Hollywood picture. The film is set in New York City where there are two major crime bosses that rule the criminal world. These two men are The Boss, and The Rabbi. They are former partners that had a massive falling out 20 years prior that caused them to go into seclusion for their safety from one another. Slevin seems to be a man that is in the wrong place at the wrong time, ending up doing dirty work for The Boss and repaying another man’s debt to the Rabbi. In the end Slevin was working with Mr. Goodkat to overthrow the two crime bosses and get revenge for his father’s death. By looking at Lucky Number Slevin, we analyze each concept separately and operationalize each. The breakdown of the paper was set so that Alexandra Polak worked on the topics of Gender and Sexual Orientation, Ahmed El Najmi analyzed the concepts of Race and Ethnicity, then Ian Ladouceur looked at the ideas of Class and Power. First item looked at was Class and Power, then Race and Ethnicity, and concluded with Gender and Sexual Orientation....

Words: 6330 - Pages: 26