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Peter Weiss' Ermittlung Im Kalten Krieg

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Submitted By sagasagb
Words 1704
Pages 7
Einleitung
Diese Arbeit befasst sich mit der Rezeptionsgeschichte von Peter Weiss‘ Werk „Die Ermittlung“. Dabei wird spezielles Augenmerk auf die Rolle der politischen Einstellung des Autors gelegt, da diese die Aufnahme des Dramas in der Öffentlichkeit maßgeblich beeinflusst hat. Insbesondere will ich auch auf die äußerst unterschiedlich ausgefallene Rezeption im gespaltenen Deutschland der sechziger Jahre eingehen. Zu diesem Zweck werde ich historische Quellen wie Zeitungs- und Rundfunkberichte heranziehen, die dank dem fortgeschrittenen Forschungsstand zugänglich sind. Um die vom Stück hervorgerufene Aufregung näher zu erklären, sollen ferner die zentralen Kritikpunkte dargestellt werden. Dass dieses Dokumentardrama nicht nur in Deutschland heftig diskutiert wurde, steht wohl außer Frage. In diesem Rahmen ist es jedoch nicht möglich, die Rezeptionsgeschichte in anderen Ländern zu skizzieren.
3. Konkrete Kritikpunkte an Weiss‘ Dokumentardrama
Weiss‘ politische Orientierung war nicht der einzige Faktor, der die Debatten um „Die Ermittlung“ derart brisant gestaltete. Das Drama war eines der ersten Werke, das die Gräueltaten, die in der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust verübt wurden, explizit thematisierte. Zweifellos stellt „Die Ermittlung“ eines der wichtigsten den Aufarbeitungsprozess nach dem 2. Weltkrieg in Gange bringenden Werke und somit eine Zäsur in der deutschen Geschichtsschreibung dar. Laut Christoph Weiß trat die Ablehnung der Art und Weise, wie dieses hochgradig problematische Thema von Weiss bearbeitet wurde, jedoch erst nach den Erstinszenierungen ins Zentrum der Kritik, da die Diskussionen vor der Uraufführung mehr dem Dramatiker und seinem (zunächst mutmaßlichen) Bekenntnis zum Sozialismus als dem Werk selbst gegolten haben. Die nach der Erstaufführung entstandenen kritischen Debatten widmeten sich ernsthafteren Fragestellungen und setzten sich mit der Möglichkeit und der Art der Darstellung der schrecklichen Geschehnisse im Konzentrationslager Auschwitz im Rahmen des Theaters auseinander.
3.1. Die Darstellbarkeit von Auschwitz auf der Bühne
Heute liegen viele wissenschaftliche Auseinandersetzungen, welche die Problematik der Darstellung von Auschwitz auf der Bühne behandeln, vor. Weiss‘ bahnbrechendes Drama warf etliche in diese Richtung gehende Diskussionen und Fragen auf. Der Autor selbst erwähnt in seinen das Werk einleitenden Anmerkungen, dass es nicht möglich sei, die Geschehnisse im Lager angemessen in einer dramatischen Inszenierung zu zeigen. Es wurden Stimmen laut, die davon überzeugt waren, dass eine (bisweilen vorwiegend totgeschwiegene) Thematik wie diese keineswegs im Theater besprochen werden sollte. So behauptete Marcuse etwa: Noch leben viele unter uns, die an den Auschwitz.Stätten geprügelt und gedemütigt worden sind. […] Noch viel mehr sind da, welche Eltern, Kinder, Freunde dort verloren haben. Sie wollen die Berichte über das Grauen, das für sie noch Gegenwart ist, nicht als „Gesang in den Feueröfen“ singen hören. Die Zumutbarkeit des Stoffes auf der Bühne wurde vehement in Frage gestellt. Man rätselte, ob die Menschen durch die Aufführung des Dramas zum Nachdenken und zur Vergegenwärtigung der Vergangenheit angeregt werden würden, oder ob sie angesichts dieser Darbietungsform der schrecklichen, realen Vergangenheit gänzlich abstumpfen würden. Das Potential der „Ermittlung“ als Aufarbeitungsinstrument wurde vielfach unterschätzt.
Kritisiert wurde ferner, dass sich Weiss jeglicher Interpretation enthält. Volker Klotz bemängelte diesen Faktor insbesondere, da er in der „bloßen Summation einzelner Scheußlichkeiten“ keinerlei Möglichkeit der moralischen Belehrung sah. Weiters wurde der scheinbar fehlende Gegenwartsbezug kritisch beleuchtet. Die Abwesenheit der positiven Hoffnung auf die Zukunft wurde von manchen ebenso als Mangel erachtet.
3.2. Ästhetische Kritikpunkte
Dass sich das Dokumentardrama mit realen Tatbeständen auseinandersetzt, ist bekannt. Bei seinen Recherchen stützte Weiss sich vorwiegend auf die Berichterstattung über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ebenfalls zog er seine eigenen Aufzeichnungen heran, die er während seiner Anwesenheit bei den Gerichtsverhandlungen gemacht hatte.
Sprachschmuck und Gefühle werden in Weiss‘ Text gänzlich ausgespart, weswegen beim Lesen die Wirkung entsteht, man würde tatsächlich ein reales Gerichtsprotokoll in Händen halten. In den Anmerkungen zu seinem Stück heißt es jedoch: Bei der Aufführung dieses Dramas soll nicht der Versuch unternommen werden, den Gerichtshof, vor dem die Verhandlungen über das Lager geführt wurden, zu rekonstruieren. […] Vor all dem kann auf der Bühne nur ein Konzentrat der Aussage übrig bleiben. Dieses Konzentrat soll nichts anderes enthalten als die Fakten, wie sie bei der Gerichtsverhandlung zur Sprache kamen. Gerade diese vom Autor bewusst gewählte Darstellungsform wurde ihm häufig zum Vorwurf gemacht. Wie Robert Cohen in seinem Aufsatz „Identitätspolitik als politische Ästhetik“ erläutert, stellten sich diverse Kritiker die Frage, ob es sich bei Weiss‘ Werk überhaupt um Kunst handle. Häufig wurde behauptet, es sei vielmehr eine „abgekürzte Version der Gerichtsverhandlungen“. Zahlreiche Kritiker vertraten die Meinung, „Die Ermittlung“ sei kein Drama im eigentlichen Sinne, da es sämtliche Dramenkategorien missachtet und es auch nicht zur Katharsis, also zur Reinigung, kommt. Sie bezeichneten es als bloßes Zitat und konnten daran vor allem aufgrund der monotonen Gerichtssprache keinen ästhetischen Wert erkennen. Als großen Mangel erachtete man den derart emotionslosen Einsatz der Sprache. Die dadurch entstehende, abstumpfende Wirkung wird durch den Ausfall der Interpunktion, der sich durch das ganze Drama zieht, noch zusätzlich verstärkt. Für den Leser werfen dieser auch heute noch präsente, offensichtliche Realitätsbezug und die Art und Weise der Verarbeitung des Stoffes Probleme auf. Auch ich persönlich war bei der Lektüre dazu geneigt, zu vergessen, dass es sich hierbei eben nicht um ein zeitgeschichtliches Gerichtsdokument handelt. Hiermit will ich Weiss keineswegs diese viel zitierte mangelnde ästhetische Aufbereitung zum Vorwurf machen, die meiner Ansicht nach gerade in dieser Form auf eine besondere Weise zum Ausdruck kommt. Es soll lediglich unterstrichen werden, dass diese Darbietungsform nicht völlig unproblematisch ist, da Weiss‘ Werk „beharrlich die Grenzen zwischen der Wirklichkeit und ihrer Darstellung, zwischen Dokumenten und ihrer Interpretation, zwischen authentischen Personen und Bühnenfiguren [verwischt].“
3.3. Die Konzeption der Figuren
Die Figuren in Peter Weiss Werk werden auf eine sehr ungewöhnliche Weise dargestellt, was er in der Anmerkung zum Werk zu erklären versucht. Die 9 Zeugen tragen keine Namen, da sie „nur referieren, was hunderte ausdrücken.“ Die 18 ausgewählten Angeklagten behalten ihre realen Namen. Der Grund dafür ist jedoch nicht, sie auf diese Weise erneut zu verurteilen, sondern er liegt vielmehr darin, dass sie in der Zeit in Auschwitz im Gegensatz zu den Zeugen ihre Identität behalten durften.
Die Art, wie die (kaum mehr als solche zu bezeichnenden) Figuren gezeichnet beziehungsweise gewählt sind, wird und wurde als höchst problematisch erachtet. Zum einen wird Weiss‘ Auswahl der Angeklagten kritisiert, da er neben den ausführenden Organen, die ihre Gräueltaten im Lager verrichteten, keine „höheren Verantwortlichen“ in sein Werk aufnahm. Zum anderen empörte man sich darüber, dass das Wort „Jude“ im Stück in Bezug auf die Opfer kein einziges Mal fällt, was vor allem auf Weiss‘ persönliche Herkunft zurückgeführt wird. Die fehlende Beschreibung der Zeugen beziehungsweise der Opfer hinsichtlich ihrer ethnischen und religiösen Herkunft und Zugehörigkeit rechtfertigt Weiss selbst durch den dadurch entstehenden, größeren Gegenwartsbezug, den er dem Werk zuschreiben wollte.
Dass die Zeugen keine Namen tragen, wurde ebenso äußerst kritisch betrachtet. Weiss‘ schon erwähnte Begründung mag zwar in gewissem Maße nachvollziehbar sein, doch durch das Ausbleiben jeglicher Charakterzeichnung und das Fehlen der Namen verlieren die Zeugen ihre Identität erneut. Es ist zweifelsohne problematisch, dass sie stattdessen (wie in ihrer Zeit im Konzentrationslager) wiederum Nummern erhalten. Außerdem besteht durch diese Darstellung bis zu einem gewissen Grad die Gefahr, dass der Umstand in Vergessenheit gerät, dass es sich hierbei um individuelle Wesen handelt, die Leid erfahren haben, das in der Geschichte auf diese Weise einzig und allein im Nationalsozialismus verursacht worden ist. Dass auf Seiten der Angeklagten durchaus Emotionen gezeigt, die Gefühle der Zeugen jedoch in keiner Weise beschrieben werden, ist ein Umstand, der ebenso hinterfragt werden muss. Das sich ständig wiederholende, höhnische Lachen der Angeklagten unterstreicht die genannten Effekte zusätzlich.
Zusammenfassung
Die Rezeptionsgeschichte von Peter Weiss‘ „Die Ermittlung“ ist in vielerlei Hinsicht interessant. Unter anderem machten ihn seine politischen Äußerungen zu einem der prominentesten deutschsprachigen Dramatiker der damaligen Zeit, womit die Grundbedingungen für eine derart weite Verbreitung des Dramas gegeben waren. Die Diskussionen, die vor der Uraufführung des Werkes geführt worden waren, sind stark im historischen Kontext des Kalten Krieges zu verstehen, wohingegen man sich nach den Erstinszenierungen vielmehr auf Debatten um die Wichtigkeit des Werkes im Aufarbeitungsprozess der nationalsozialistischen Vergangenheit einließ. Die am Drama geübte Kritik fiel sehr vielfältig aus. Am stärksten wurden jedoch der vermutete „Missbrauch“ der Problematik zu kommunistischen Propagandazwecken und die mangelnde Ästhetik des Werkes kritisiert. Zweifel an der generellen Möglichkeit der Darstellung dieses Themas auf der Bühne wurden häufig zum Ausdruck gebracht. Als problematisch wird auch die Darstellung der „jüdischen Identität“ im Werk erachtet.

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[ 1 ]. Anm.: Als Grundlage für die Recherche dient mir vor allem Christoph Weiss‘ in der Bibliographie angeführtes Werk „Auschwitz in der geteilten Welt“. Es liegen kritische Auseinandersetzungen mit dieser Habilitationsschrift vor, auf die in diesem Rahmen jedoch nicht näher eingegangen werden kann. (z.B. Berthold Brunner: Peter Weiss und das 'Inferno' : über ein unveröffentlichtes Stück, 'Die Ermittlung' und das Verhältnis zu Nachkriegsdeutschland; eine Auseinandersetzung mit den Interpretationen von Christoph Weiß. In: Peter-Weiss-Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. und 21. Jahrhundert 11 (2002), 56-84)
[ 2 ]. Vgl. Klaus L. Berghahn.: „Our Auschwitz“. Peter Weiss’s „The investigation“ thirty years later. In: Hermand, Jost (Hg.): Rethinking Peter Weiss. New York u.a.: Lang 2001. (German life and civilization; 32), S. 94 f.
[ 3 ]. Vgl. Christoph Weiss: Auschwitz in der geteilten Welt. Peter Weiss und die „Ermittlung“ im Kalten Krieg. 2. Bd. Sankt Ingberg: Röhring. 2000, S. 242 ff.
[ 4 ]. Vgl. Christoph Weiß: Auschwitz in der geteilten Welt, S. 244 ff.
[ 5 ]. Vgl. Peter Weiss: Die Ermittlung. Ein Oratorium in 11 Gesängen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 9
[ 6 ]. Marcuse zit. nach: Christoph Weiß: Auschwitz in der geteilten Welt, S. 241
[ 7 ]. Christoph Weiß: Auschwitz in der geteilten Welt, S. 244
[ 8 ]. Zit. nach: Christoph Weiß: Auschwitz in der geteilten Welt, S. 253
[ 9 ]. Vgl. ebd.
[ 10 ]. Vgl. Christoph Weiss: Auschwitz in der geteilten Welt, S. 265
[ 11 ]. Vgl. Klaus Berghahn: Our Auschwitz 102 f.
[ 12 ]. Peter Weiss: Die Ermittlung, S. 9
[ 13 ]. Ezrahi zit. nach: Cohen, Robert: Identitätspolitik als politische Ästhetik. Peter Weiss‘ „Ermittlung“ im amerikanischen Holocaust Diskurs. In: Baer, Ulrich (Hg.): Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006. (Edition Suhrkamp; 214), S. 156-172, S. 159
[ 14 ]. Vgl. Robert Cohen: Identitätspolitik als politische Ästhetik, S. 159
[ 15 ]. Vgl. ebd. S. 162
[ 16 ]. Robert Cohen: Identitätspolitik als politische Ästhetik, S. 158
[ 17 ]. Peter Weiss: Die Ermittlung, S. 9
[ 18 ]. Vgl. ebd.
[ 19 ]. Vgl. Christoph Weiß: Auschwitz in der geteilten Welt, S. 263
[ 20 ]. Vgl. Robert Cohen: Identitätspolitik als politische Ästhetik, S. 162
[ 21 ]. Vgl. ebd. S. 166

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