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„Türkendeutsch“ – Entstehung Eines Ethnolekts

In: Social Issues

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Die Sprechweise „Türkendeutsch“ oder auch „Kiezdeutsch“ existiert in vielen Variationen, die vom sozialen und ethnischen Milieu abhängen, in dem diese Verwendung finden. Dabei kann zwischen der Ausdrucksweise im Dialekt und der scherzhaft-expressiven Imitation von, durch Medien stilisierten, Stereotypen differenziert werden.
„Türkendeutsch“ ist in den 90er Jahren als primärer Ethnolekt, also als Sprachvariation einer ethnischen Gruppe, entstanden. Der entstandene Ethnolekt wurde zunächst in der entsprechenden Gruppe von ,vornehmlich türkischen, Einwanderern verwendet und erlangte so Aufmerksamkeit. Daraufhin verwendeten verschiedene Künstler (im weitesten Sinne) die Sprechweise für Texte, Filme und Auftritte. Hierbei wurde diese jedoch stark verändert. Es entstand eine Mischung aus dem tatsächlichen Sprachgebrauch, Stereotypen und künstlerspezifischen Elementen. Der Ethnolekt selber wird vereinfacht und mit der allgemeinen deutschen Jugendsprache vermischt, damit das Kunstprodukt auch für Rezipienten verständlich wird, denen dieser fremd ist. Durch die Übernahne des primären Ethnolekts in die Medien entsteht ein sekundärer Ethnolekt.
Das heißt diese stark variierte und stilisierte Abbildung von „Türkendeutsch“ wird in das kollektive Sprachbewusstsein der Deutschen aufgenommen und in einigen, vor allem durch Jugendliche geprägten, sozialen Milieus meist scherzhaft verwendet. Dabei wird es nur in bestimmten Situationen in informellen Kreisen, häufig zur Auflockerung, benutzt und als „fremde Stimme“ angesehen. Bestimmte Künstler werden zitiert und in ihrer Ausdrucksweise nachgeahmt, wobei eine bestimmte Artikulation stellenweise auch auf eigene Sätze übertragen wird. Die Verwendung dieses tertiären Ethnolekts richtet sich hierbei nach Medienaktualität. Wenn zum Beispiel ein neuer Erkan und Stefan Film in die Kinos kommt und von einer großen Gruppe positiv aufgenommen wird, verwendet diese kurz darauf viele filmtypische Ausdrücke. Nach einigen Wochen wird die Sprechweise nur noch selten verwendet und durch die Standartsprache oder andere Variationen ersetzt werden.
Der mediale Einfluss wirkt sich auch auf die ursprünglichen Verwender des Ethnolekts aus und verändert deren Sprachgebrauch, wobei medial stilisierte Ausdrücke hier auch in das permanente Vokabular aufgenommen werden und häufiger in Alltagssituationen Verwendung finden. Verbreitet sich der primäre Ethnolekt in durch Medien abgeänderter Form auch unter ethnisch gemischten Gruppen entwickelt er sich zum Soziolekt. Dieser wird zumindest in bestimmten Situationen bzw. Gesprächen in den entsprechenden Gruppen durchgehend verwendet. Deswegen diskutieren Sprachwissenschaftler ob es sich um einen Dialekt oder lediglich eine Art Slang handelt.
„Türkendeutsch“ ist folglich nicht als Kunstprodukt kreiert, aber als solches in den Medien propagiert, sichtbar und verfügbar gemacht worden.

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